Editorial - Sea, The Horizon

Sea, The Horizon.
Was Surfen Snowboarden geben kann.

Surfen - die momentan vielleicht heißeste Quelle, aus der Snowboarder in punkto Style schöpfen. Ganz offensichtlich äußert sich das bei Boardshapes. Nose pointy und Tail fishy, „Surf-Style“ drauf schreiben und die Sache ist geritzt. Essenziell hat Surfen Snowboarding aber viel mehr zu bieten. Es geht um die Perspektive, mit der man einen Hang dropt, die man auf einen Berg hat und mit der man seine Lines plant.

Als Snowboarder bewegen wir uns in einer statischen Umgebung, in der Schneebretter und Lawinen die angsteinflößende Ausnahme der Regel sind. Die Verbindung von Drop-in und Liftschlange ergibt eine Line, in der man eigentlich alles machen kann. Egal ob man stehenbleibt, hinfällt, high-speed carvt oder Tricks ballert - in der Verbindung kommt man immer unten an, denn der befahrenen Hang ist konstant und die Schwerkraft von Dauer und allgegenwärtig.

Surfer hingegen befinden sich in einer dynamischen Umgebung und haben deswegen mit viel mehr Variablen klarzukommen. Das beginnt mit dem Rauspaddeln durch Brandungswellen und Strömung in Richtung Surf und Line-Up, und findet seinen Höhepunkt in den wenigen Sekunden nach dem Take-off, in denen verschiedene Sections einer Welle durch Manöver verbunden werden, um möglichst lang ein einmaliges Bisschen kosmischer Energie zu shredden.

Nichts anderes sind nämlich Wellen, entstehen Sie doch aus der Umwandlung von Sonnenenergie in Thermik und Wind, Tiefdruck, Wasserbewegung und schließlich Dünungswellen, welche sich dann über einer Sandbank, einem Riff oder an einem Point entlang im eigentlichen „Surf“ brechen. Im Surf findet man dann diese Energie in unterschiedlicher Intensität in den verschiedenen Sections einer Welle wieder und versucht sie durch sein Surfboard so umzuleiten, dass man auf dem Weg in Richtung Strand wortwörtlich nicht untergeht.

Klingt wie crazy Hippie-Shit, ist aber so. Dort wo die Welle flach ist, findet der Surfer wenig, da wo sie steil ist viel Energie. Stellt er sich in die Barrel, umgibt Ihn die ganze in die Welle gebundene Power, und von der Lippe gibt es punktuell einen vollen Push in Richtung Strand. Die Kunst besteht darin, sich dort wo es viel Energie gibt Drive zu holen und den dann durch die Sections der Welle mitzunehmen, die wenig Energie und Push anbieten. Um das zu bewerkstelligen, verfügt ein Surfer über verschieden Techniken um zu Navigieren, das heißt seine Line zu legen und dabei zu beschleunigen, oder langsamer zu werden. Bilder von Bottom Turns, Carves, Snaps, Hooks, Gauges, Laybacks mögen kunstvoll ausgeführt auf einen Snowboarder wie eigenständige Tricks wirken. De facto sind sie aber Momentaufnahmen aus einer Manöverfolge unterschiedlicher Radikalität, die immer dem Ziel folgt, möglichst entspannt von einer in die nächste Section zu kommen und nur da Energie zu verblasen, wo der Surfer es auch will.

Aus diesem Grund wurde auch die erste Generation der Aerial Surfern in den 90ern so argwöhnisch beäugt und radikale Manöver über der Lippe der Welle erstmal nicht ins Judging bei Wettkämpfen aufgenommen - schlicht weil der Flow zwischen Sections für einen Trick aufgegeben wurde. Erst seitdem Surfer diese Tricks zu Manövern gemacht haben, mit denen sich Sections verbinden lassen, werden Air Moves in allen Bereichen von Surfing ernstgenommen.

Vielleicht sind es diese Aspekte von Surfing, die wir Snowboarder als nächsten Horizont sehen können, wenn wir uns fragen, wie wir gutes Snowboarding im Schnee und Gelände in der Zukunft bewerten und wohin wir uns entwickeln wollen.
Wenn wir den Berg der Falllinie entlang nach links und rechts gegen Banks, Lips und Hits lesen können, so wie ein Surfer die verschiedenen Sections einer Welle, dann ist auf einmal viel klarer, wo wir Speed behalten und umleiten wollen, und wo wir in einer Line einen fetten Spray rausballern sollten um Schwung zu verlieren - Oder mit einem fetten Air Sections verbinden.   

Ein willkürlich und zusammenhangsloser Stop-Turn mit viel Spray fürs surfy Foto, hat mit Surfen ebensowenig zu tun, wie eine Line, bei der jeder Turn Full-Stop im Drift gefahren und ein kontrollierter Abstieg vom Berg vorgenommen wurde. Natürlich hat sowohl Posing als auch Snowboard-Alpinismus seine Reize, aber grade seitdem es so viele unterschiedliche Typen von Boards gibt, mit denen so viele verschiedene Radien zu fahren, Gelände zu meistern und damit Lines zu erschließen sind, waren die Möglichkeiten eigentlich nie besser, seinem eigenen Snowboarding eine weitere und dynamischere Facette zu geben. Zwischen Posing und Alpin, ohne dafür noch höher springen und noch krassere Rail-tricks stehen zu müssen. Einfach schauen, wie man am besten den Schwung der letzten Jahre in den nächsten Abschnitt mitnimmt. Egal ob auf einer blauen Piste oder in extremem Gelände - Surfen halt, egal wie das Brett ausschaut, auf das man grade abfährt.